Erinnerungen an Kirischi
Mir war das Publikum ein größeres Erlebnis als die Bühne. Da saßen dichtgedrängt im dunklen Raum die Soldaten auf Holzbänken, das Gewehr zwischen den Beinen, die Mütze oben aufs Gewehr gehängt, der "Stahlem" auf den Fußboden gelegt. Zuerst klatschten die Landser etwas verlegen Beifall. Aber dann wurden sie warm, und nun wurde jede Pointe mit rauschendem Beifall, rauhem Gelächter und kräftigem Klatschen quittiert. Das waren Soldaten, die seit Monaten nichts anderes als ihre Stellung und ihre verlausten Kleider kannten.
Zunächst einmal war es eine interessante Typensammlung ungeschlachter und rauher Menschen. Dann fiel der penetrante Menschengeruch und der unangenehme Gedanke an nahe Brutstätten ungeheurer Läusemengen peinlich aufs Gemüt. Freude machte schon der "urige" Ausdruck von Beifall oder Zwerchfellerschütterung. Gefährlich waren nicht selten die Raubtierblicke, die alle Blüschen und Höschen der ohnehin nicht zu stark bekleideten Tänzerinnen zu durchbohren schienen. Rührend war aber schließlich der Dank der Männer für dies doch bescheidene Bißchen geistiger Anregung und heimatlicher Kultur. Ob auf der Bühne Mozart oder Peter Kreuder vorgetragen wird, ist fast gleichgültig. Auch, ob es geistreich oder nur säuisch ist.
Am 29. 7. mittags traf wie ein Blitz aus heiterem Himmel der Befehl ein, noch in der kommenden Nacht im Nordabschnitt des Brückenkopfes Kirischi Teile des Inf.-Rgt. 2., des Inf.-Rgt. 44 (11. I. D.) und des Geb.-Jäg.-Rgt. 100 abzulösen.
Ich müßte lügen, wollte ich behaupten, daß wir über diesen Befehl etwa froh waren. Es gab recht lange Gesichter. Cornelius (Oberarzt u. Batl.-Arzt des II./I. R.) und ich sahen uns bedeutungsvoll an. Hatte die 6. Komp. das gestern abend geahnt, als sie in der Hochstimmung ihres Kameradschaftsabends nicht endend sang: "Uns ist alles, alles, alles scheißegal . . . uns ist alles, alles, alles scheißegal . . . uns ist alles, aaaaales . . . usw."? Cornelius und ich hatten bis zu Tränen darüber gelacht, und wir glaubten immer wieder Rackwitzens (Lt. Rackwitz. Führer 6./I. R. 5) Stimme herauszuhören, wie er hell intonierte: "Uns ist alles, alles ..." Jetzt war wirklich alles egal.
Mit gespielter Ruhe wurde in der "Chefbesprechung" der Btl.-Befehl von den Kompanieführern zur Kenntnis genommen. Dann packte man fieberhaft seine Sachen.
Im ganzen Lager herrschte ein verhaltenes Summen. 14 Uhr ritten der Kommandeur (Hptm. Schütze, Kdr. II/I. R. 3), ich und alle Kompanieführer (Lt. Kretschmann 5. Kp., Lt. Rackwitz 6. Kp., Lt. Barran 7. Kp.) in Richtung Brückenkopf ab. Der Regen strömte; das war gut für die Ablösung. Hptm. Anton (8./I. R. 3) und der Adjutant (Oblt. Petereit) sollten das Bataillon nachführen. Die Komp.-Truppführer setzten sich mit den Meldern zu Fuß in Marsch.
Auf dem nassen Knüppeldamm glitten unsere Pferde häufig aus, oft traten sie durch, denn der Damm war von unendlichen Munitionskolonnen zerfahren. Die ganze 11. I.D. hatte man über diesen Damm munitionieren und verpflegen müssen. Die Bahn funktionierte meist nicht. Zwei Artillerieregimenter standen am Westufer des Wolchow und warfen Feuerüberfall auf Feuerüberfall in die Bereitstellungen des Gegners. Sie schossen Sperrfeuer, wenn russische Panzer anrollten und wenn die Iwans wieder einmal mit "Urräh" über die Fläche stürmten. Ungeheuer war das Trommelfeuer des Feindes, ungeheuer auch das eigene Abwehrfeuer.
Am 29. 7. war es recht ruhig. Natürlich hörte man es grummeln. Nach einiger Zeit wurden die Abschüsse der Haubitzen deutlicher. Hier und da ein Schuß des Feindes, der die deutsche Artillerie suchte. Dann hatten wir unsere Artillerie hinter uns. Am Bahndamm (Petersburg-Moskau) blieben die Kompanieführer zurück, um ihre Vorkommandos zu erwarten. Sie sollten sich beim Gefechtsstand des Brückenkopfkommandanten wieder mit uns treffen. Der Regen strömte.
Schütze und ich gingen an der Bahn entlang zur Brücke. Für ihn war Kirischi mit der Erinnerung an einen schönen und ruhigen Winter verknüpft. Nach dem Rückmarsch, den die 21. I.D. in guter Ordnung von Wolchowstroj bis Kirischi durchgeführt hatte, besetzte das I.R. 3 auf der Ostseite des Wolchow einen Brückenkopf, der den Ort Kirischi und einige kleinere Ortsteile einschloß, baute ihn aus, verteidigte ihn gegen einige weniger ernst gemeinte Angriffe im Winter und gegen einen schweren Angriff am 30. 4. 1942. Hptm. Schütze, der damals mit der Führung des neu aufgestellten II. Btl. betraut war, führte im Süden auf der sog. Schulhöhe im Abschnitt Plawnizy-Nowinka. Das "Regiment" wohnte in dem großen, roten Backsteinhaus. Hinter einem Busch am Wege in Deckung stehend erklärte mir Schütze die damalige Lage. Jetzt am 29. 7. 42 war der Brücko kaum noch wiederzuerkennen. Wenige Tage nach Ablösung des Inf.-Rgt. 3 durch das Inf.-Rgt. 23 hatten die Roten mit schwerer Trommelfeuervorbereitung angegriffen, das I. R. 23 schwer dezimiert, nach dessen Herauslösung dem Inf.-Rgt. 2 mit Panzern und Artillerie fürchterlich zugesetzt, und jetzt hielten Reste des Int.-Rgt. 44. des Inf.-Rgt. 2 und des III./Geb.-Jäg.-Rgt. 100 den Brückenkopf, während der Russe zum neuen Großangriff ansetzte. Verschwunden waren die Häuser und Fabrikgebäude, in denen früher alle Küchen und Trosse gewohnt hatten, wo sich noch Zivilbevölkerung befunden hatte, wo im Winter Theater und Kino gespielt worden war. Nur Ruinen standen noch, und man mochte wohl mit Scheremetjeff sagen: Nichts mehr zu zerstören! Aber es konnte noch viel kaputt gemacht werden. Das zu erleben, waren wir bestimmt.
Das wußten wir halb, halb ahnten wir es, und so näherten wir uns mit Schaudern der mächtigen, 300 m langen Brücke, die früher die Eisenbahnstrecke Petersburg-Moskau über den Wolchow geführt hatte, ehe zwei Joche abgestürzt waren. Diese Brücke stellte auch jetzt noch die einzige feste Verbindung des Brückenkopfes zum "Festlande" dar. In der Schlucht vor dem Westpfeiler lag Trichter an Trichter. Klein und unscheinbar die Trichter der unzähligen kleinkalibrigen "Ratschbumm"-Schüsse, tiefer und schwarz die Krater von 15,2 und 12,2 cm Artillerie, und riesig, mit gelbem "Wasser gefüllt waren die Löcher, die die Bomben des "Eisernen Gustav" hinterließen. Der "Eiserne", die "Lahme Ente", der "Leisetreter", die "Burbel" und schließlich die "Rollbahnhure", das waren die Landsernamen für den langsamen Doppeldecker, der mit einem beunruhigend gleichmäßigen Ton ganz niedrig am Nachthimmel brummelte. Man hörte ihn milde ankurbeln, sah ihn im Mondschein, oder konnte sogar seine Frechheit daran merken, daß er oft mit Licht flog. Kunststück! Flak gab es nicht, höchstens ein paar 2-cm-MG. Der "Gustav" stellte dann seinen Motor ab, und man verlor die Orientierung, bis ein leises Sch-Sch-, das immer lauter wurde und einmal gehört, so schnell nicht wieder aus dem Gedächtnis verschwand bis dies Geräusch den Kenner zur schleunigen Deckung veranlaßte. Ein, zwei, drei schwere Detonationen der Dreck klatschte nach einigen Sekunden wieder zur Erde und froh burbelte "Gustav" wieder weiter. Ein "Gustav" machte ja noch keinen Schrecken. Aber zehn auf einmal über dem winzigen Brückenkopf, und das die ganze Nacht! Das ärgerte einen schon. Man konnte mit Gewehr und MG auf den "Eisernen" schießen. Das beruhigte die Seele. Es nutzte aber nichts. Denn "er" war gepanzert. Er warf manchmal Granaten mit angeschraubten Flügeln, manchmal runde Kugeln, die beim Aufschlagen platzten und Phosphor in der Gegend verstreuten. Er warf auch Leuchtfallschirme oder er regnete einen häßlichen Magnesium- oder Phosphorstrahl von Fallschirmen ab. Diese Strahlen sahen prächtig aus, gaben aber böse Verbrennungen. Wenn der "Eiserne" ganz guter Laune war, flog er im Gleitflug ganz niedrig und forderte uns mit dem Megaphon auf zum Überlaufen. Er pries sein "Paradies" an und klärte uns über unseres auf. Aber wir haben ihn gehaßt.
Wir, d.h. Hptm. Schütze und ich, wir standen im Pionierbunker, der in den Westpfeilern der Brücke eingebaut war. Es war noch heller Tag, und der Regen rauschte. Der Russe schoß gerade mit 7,62 auf den Brückenpfeiler, und wir mußten abwarten. Von da ging man über die Brücke in die andere Welt, und man wußte, viele würden dableiben. Galt das auch für uns? Birkenkreuze standen in langen Reihen auf dem Westufer. Manche verwittert, die meisten neu.
Der Gang über die Brücke war wie eine hohe Handlung, die man mit heiligem Schrecken tat. Auf der Brücke begann der "Brückenkopfschritt", ein eiliger, leiser Tritt. Man ging mit zusammengezogenen Lippen, sicherte mit den Ohren auf Abschüsse und sonstige Geräusche, sicherte mit den Augen auf Mündungsfeuer, erspähte und überwand rasch feindeingesehene Strecken, und man ging seinen Weg nie in einem Stück, sondern von Etappe zu Etappe. Den Stahlhelmriemen hatte man über die Helmblende geschoben, damit der zugedachte Granatsplitter nur den Helm und nicht zugleich den Kopf abreißen sollte. Aberglaube? Angst? Angst ist nur Schande, wenn man darüber versagt. Hat der Wolf Angst, wenn er dem Jäger aus dem Wege geht? Der Feind und wir, beide waren Wild. Wer aber jagte uns mit aller technischen Raffinesse?
Waffen, Gepäck und Munition in den Händen oder auf dem Rücken, so zogen sie über die Brücke, die Landser mit Essenträgern, Postsäcken, Funkersatzteilen usw. Alle gingen schnell und leise, tuschelnd fluchten sie vor sich hin, plötzlich lagen sie dann, und wirklich rauschte gleich eine Granate heran. Klirrend sausten die Splitter gegen das Brückengestänge. Sie konnten weitergehen. Mancher blieb auch gleich liegen oder wurde von den Kameraden fortgetragen.
In der Nacht gingen die russischen Kriegsgefangenen
langsam und stumpf mit ihren schweren Munitionslasten oder mit Krankenbahren von der
Fähre zur Stellung und von da wieder zur Fähre. "Pascholl", kommandierte der
aufsichthabende Gefreite. Anders als 'das "Urräh" beim Angriff klang es, wenn
die Kerle in ihren braunen Lumpen mit den Pelzmützen auf dem Kopf, bärtig, schmutzig,
mit stumpfen oder bösen Augen "Uuäh" stöhnten. Sie nahmen ihre Lasten auf,
wanderten langsam, bis der Tag anbrach und sie wieder in ihren Löchern verschwinden
konnten. Da fraßen sie, was man ihnen gab oder was sie den Toten und Verwundeten
abgenommen hatten. Sie warteten, bis sie getroffen am Wege zusammenbrachen, auf das
Begräbnis durch Sonne, Wind und Ratten. Fünfzehn gingen aus mit Munition und fünf oder
zehn kamen wieder. Morgen würde das gleiche sein und übermorgen wieder. Russische
Geschosse warteten ihrer. Sie trugen keine Verantwortung für den Brückenkopf; aber sie
halfen mit. Das alles wußten sie und darum gingen sie langsam.
Schütze und ich aber schritten eilig zum Brückenkopfkommandanten von Kirischi. Wir
hatten uns in Abschnitt und Auftrag einweisen zu lassen und Befehle zu empfangen. Vorüber
der heilige Schauder! Jetzt hieß es handeln, auf der Hut sein, aushallen, nicht
"weich werden". Wir hatten den Abschnitt nördlich der Bahn zu übernehmen und
zu halten. In der kommenden Nacht sollte ein Bataillon I.R. 2, einige Gruppen I.R. 44 und
Teile der "Kraxlhuber" (= Gebirgsjäger) abgelöst werden. Ab morgen führte
dort Schütze.
Drei Uhr nun am 30. 7., schon bei Helligkeit verabschiedete sich der Kommandeur der abgelösten Truppe, Hptm. Ewert, von uns. Die ganze Ablösung war in der regnerischen Nacht fast ohne Verluste vor sich gegangen. Nur am rechten Flügel war man nicht ganz fertig geworden, und so lagen alte und neue Besatzung hintereinander in der Stellung.
Gespenstisch unheimlich war diese Ablösung gewesen. Leise zogen die Kompanien gruppenweise in die dürftigen Stellungen. Teils waren noch flache Grabenstücke da, teils nur Granattrichter, hier und da noch Panzerdeckungslöcher, überall aber waren die Graben, Trichter und Löcher mit knietiefem, zähem Lehmbrei gefüllt. Vor der Kampflinie lagen, völlig unkrollierbar, Reste alter deutscher und neuer russischer Minenfelder. Hier und da gab es noch Stücke ehemaliger Drahthindernisse. Im Morgengrauen wurden all die Panzer deutlich sichtbar, die immer wieder gegen die deutsche Stellung angerannt, häufig durchgebrochen und alle vernichtet worden waren. Wo einst Wald gegrünt hatte, standen nur noch Baumstümpfe. Wo einmal dichter Busch die Sicht begrenzt hatte, zeigten einzelne Äste noch ein Blatt. Das Dorf Dobrowodny war restlos verschwunden. Nein, das stimmt nicht, es gab noch ein paar Haufen Ziegelgrus und einige verfaulte und verkohlte Balken und Bretter.
Der Bataillonsgefechtsstand lag in einem sog. Bunker auf einer Höhe. Früher war er für den Feind im dichten Gesträuch unsichtbar gewesen, jetzt konnte man ihn von überall her hinter den wenigen grünenden Ästen liegen sehen. In der Stellung war am Tage kein Verkehr möglich. Vom Bataillon konnte man am Tage wenigstens gebückt durch eine Senke zur 6. Kompanie gehen. Zu allen Kompanien bestand Draht- und Funkverbindung, ebenso zum Brückenkopfkommandanten. Immer wieder kamen Melder über die freien Flächen zu uns herangeschlichen, ein verwundeter Feldwebel meldete sich ab, verirrte Leute ließen sich von uns auf den Weg bringen, und der Feind verhielt sich mustergültig ruhig. Selten detonierte ein "Klops" (Wurfgranate), hier und da klang ein Gewehrschuß oder ein Feuerstoß vom MG. Die Nacht war anstrengend gewesen. Wir fanden zu unserem Vergnügen noch etwas Brot im Bunker vor und legten uns nach all der Mühe und in Anbetracht der Ruhe, die auch von den Kompanien bestätigt wurde, schlafen.
Der Feind lag uns gegenüber im Walde, ziemlich weit weg, und hatte in das unübersichtliche Niemandsland Postierungen vorgeschoben. Hier und da konnte man aus dem Graben beim Iwan Bewegungen beobachten.
In den Nachmittagsstunden wurden wir durch den Abschuß eines ganz schweren Geschützes aus dem Norden geweckt. Bald darauf erfolgte ein weitab liegender Einschlag. Der zweite Einschlag lag schon näher, und uns wurde langsam klar, daß der Feind wohl an unserem auffälligen Benehmen unseren Gefechtsstand erkannte hatte und ihn "auspunkten" wollte. Schuß ging nach Schuß rechts, links, vor und hinter unseren Bau. Nach jedem Schuß kam die obligate Korrekturpause, dann wieder ganz weit "Wumm-wuwuwu" Pause kurzes, heftiges Zischen Riesendetonation. Jeder Schuß hinterließ einen Trichter von mehreren Metern Durchmesser, manche Einschläge lagen nur 5 bis 8 m von unserem Erdhaus entfernt und ließen den stabilen Bau wie ein Zelt in sich erschüttern. Wir saßen wie auf einem kleinen Schiff im Sturm. Von Minute zu Minute wurde uns unheimlicher zumute, und ich bemerkte: "Ich fühle mich hier doch verdammt in Gottes Hand." Das gab den anderen zu entsprechenden Bemerkungen Anlaß, und der Rest der etwa zweistündigen Beschießung war mit solchen Redensarten leichter zu ertragen.
Da unsere Telephonleitungen alle zerschossen waren, mußte ich zur Vermittlung gehen, und ich legte diesen Weg in größter Geschwindigkeit zurück. Das bewährte sich. Gleich darauf lagen die schweren Einschläge um den Vermittlungsbunker.
Wir waren vom 29. 7. bis 24. 8. im Nordabschnitt des Brückenkopfes eingesetzt. Freilich fanden in dieser Zeit bei uns keine Großangriffe statt, aber immerhin waren die ersten Tage mit laufenden Angriffen, zuerst auch regelmäßig von Panzern unterstützt, ausgefüllt. Die Artillerie der 11. I.D schoß ausgezeichnet und schnell. Am 50. 7. abends erstickte binnen vier Minuten ein gewaltiger Sperrfeuerregen einen Feindangriff im Keime.
Wir waren die ersten vom I.R. 3, die den Brückenkopf betraten; in der folgenden Nacht löste unser I. Btl. unter Hptm. Engbrecht im Südteil des Brücko ab, geriet dabei in einen feindlichen Angriff und hatte gleich starke Verluste. Schon beim Anmarsch, der wenig vorsichtig über den Bahndamm gegangen war, hatte das Bataillon Feuer erhalten. Außerdem hatte der Feind offenbar durch unsere Ablösung von der Sache Wind bekommen. Am 31. 7. übernahm der Regimentsstab unter Oberst Hermann den Brückenkopf. Bereits im Laufe des Tages rollten feindliche Angriffe an allen Fronten, begleitet von stundenlangem Trommelfeuer aller Kaliber und einer Anzahl von "Stalin-Orgeln". Immer wieder erschienen russische Bomben- und Schlachtflugzeuge und warfen ihren Mist auf den armen, kleinen Brückenkopf ab. Die Verluste waren bereits erheblich. Infolge der Ablösung war auch der Nachschub an Stromquellen für die Funkgeräte, an Verpflegung und an Munition ins Stocken geraten. Die Fernsprechverbindungen waren ständig in tausend Stücke gerissen. Das alles mußte erst in Gang gebracht werden. So hatte ich am Abend des 31. 7. zum Regiment zu gehen, zu berichten, verschiedenes mitzubringen und Befehle zu empfangen. Der Weg, den ich mit sieben Mann antrat, war durch Beschuß, als wir den Bahndamm hinaufkletterten, recht abenteuerlich. Dann stand ich, naß geschwitzt und naß geregnet, im Adjutantenbunker und traf dort zum ersten und letzten Male Oberst Hermann, der mich in sein Regiment geholt hatte, der von allen hoch verehrt wurde. Er war eben aus dem Urlaub zurückgekehrt und hatte gleich das Brückenkopfkommando übernommen. Ich meldete mich, wartete erst die Einweisung eines Bataillonsführers (Hptm. Alex) vom I.R. 24 ab, der am Abend einziehen sollte, und konnte dann berichten. Oberst Hermann, der stark bedrückt war, fragte, wie es bei uns mit der Verpflegung sei. Ich antwortete, daß wir nur wenig zu essen hatten, weil die Brücke meist verstopft und oft stundenlang zerschossen gewesen sei, daß aber viele Leute unter dem Eindruck der Ereignisse und infolge beginnender Magenkrankheiten auch keinen großen Hunger zeigten. Oberst Hermann meinte darauf todernst: "Hier kann einem schon der Appetit vergehen."
Die rote Fabrik hatte in den letzten Tagen durch schwere Treffer stark gelitten. Auch während meiner Anwesenheit lag sie unter ständigem Störungsfeuer. Als ich wieder zum Bataillon zurückmarschierte, begegnete ich den Kompanien des II./I.R. 24, die sich im Halbdunkel in die Stellungen schoben.
An den folgenden Tagen griffen die Russen vom frühen Morgen bis in die Nacht den Südteil des Brückenkopfes ununterbrochen mit Artillerie, Fliegern, Panzern und Infanterie an. Es glückte ihnen, unsere Linie an einer Nahtstelle, wohl während einer Ablösung, zu durchbrechen und bis dicht an den Regimentsgefechtsstand heranzukommen. Da entwickelten sich ernste und für beide Teile verlustreiche Kämpfe. Russische Panzer fuhren dicht vor dem roten Hochhaus auf und wurden da abgeschossen. Dabei fiel aber die einzige schwere Pak aus. Gegenstöße warfen den Feind zurück, neue Angriffe brachten ihn wieder vor. Etwa l km tief und 400 bis 500 m breit war der Feind eingebrochen, und nun stand er mit neun Panzern mitten im Brückenkopf. Warum er nicht weiter bis zum Wolchow vorgestoßen ist, scheint unbegreiflich. Er hätte dann den ganzen Brückenkopf in der Hand gehabt.
Als die Gefahr am höchsten war, entschloß sich Oberst Hermann, selbst einen Gegenstoß zu führen. Er kam mit seinen Männern gut voran, bis eine Maschinengewehrgarbe ihn niederstreckte. Die Nachricht vom Tode unseres hochgeachteten Regimentskommandeurs hat uns tief erschüttert. Selten ist in dieser Phase des Krieges einem Kommandeur von jedem Offizier und Mann seines Regiments so ehrlich und schmerzlich nachgetrauert worden, wie ihm. Damals war ein Kommandeur eine geachtete, beliebte, auch ein wenig gefürchtete Persönlichkeit. Er war ein Vertreter der Führung. Man erwartete von ihm, daß seine Entschlüsse richtig waren, daß er hart durchgriff. Ging er selbst in den Kampf, erschien er in der Stellung, dann war das die letzte Maßnahme. Wie anders war später die Anschauung, als der Truppenführer alles selber machen mußte. Oberst Hermann war das Vorbild eines Offiziers gewesen. Seine Haltung, seine Anschauungen, seine Güte und seine Strenge imponierten und wurden verstanden. Es entsprach auch seinem Wesen, selbst den entscheidenden Stoß zu führen und seine Person nicht zu schonen. Dem Toten wurde das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes zuteil.
Aber das Regiment war noch reich an Persönlichkeiten. Hptm. Engbrecht übernahm die Führung des Regiments und für kurze Zeit auch die des Brückenkopfes. Ganz anders in Temperament und Form als der Oberst, war er eine Siegfriedgestalt. Der Gefahr sah er lachend ins Auge. Im Kampf war er hart gegen sich, seine Männer und gegen den Feind. Nach dem Kampfe war Engbrecht ein lustiger Kamerad, der gern einem fröhlichen Umtrunk huldigte. Er war einfach und klar im Wesen, stark im Handeln, streng und genau im Dienst, den er bis in die feinsten Finessen genau kannte.
Einige Tage führte Engbrecht das Regiment, oder besser gesagt, die Reste des Regiments. Dann fiel er bei einer nächtlichen Erkundung. Nicht einmal begraben konnten wir den strahlenden Vorkämpfer, der eigenhändig einen Panzer mit der Handgranate geknackt hatte, der schon 1941 bei Woronowo mit dem Ritterkreuz ausgezeichnet worden war. Man hat seine Leiche nicht gefunden, wie die unendlich vieler Soldaten in Kirischi. Das I. Bataillon war in diesen Tagen der schwersten Kämpfe bis auf 120 Mann zusammengeschmolzen, die beiden Bataillone von 24 gleichfalls stark dezimiert und schon wieder herausgezogen. Das III. Regiment der Division. I.R. 45, war bereits mit einem Bataillon eingesetzt und angeschlagen. Wie eine Mühle zermalmte der Brückenkopf die Truppenteile.
Die Landschaft von Kirischi war nicht eben schön. Riesige Friedhöfe, von Bomben und Granaten zerwühlt. Häuserruinen, die nur noch die Umrisse der einstigen Gebäude anzeigten. Baumstümpfe ohne Äste und Blätter, der Boden mit zersplitterten Brettern und Balken, Maschinenteile, zertrümmerten Waffen und zerrissenen Ausrüstungsstücken bedeckt. Hier und da schwelte das Sägemehl einer der ehemaligen Holzfabriken von der letzten Phosphorbombe her. Da und dort lag ein toter Russe oder ein deutscher Soldat, den man noch nicht hatte bestatten können. Eine Stätte des Schreckens und Grauens war Kirischi, ohne ordentliche Bunker und Gräben, Hindernisse und Minenfelder. Aber ein wirbliger strategischer Punkt war der Brückenkopf. Das sagte man wenigstens, und darum mußte er gehalten werden, kostete er auch grauenvolle Verluste. Und weil der Brückenkopf gehalten werden mußte, abgeschnitten vom deutschen Festland, nur durch eine Fähre und eine oft zerschossene Brücke wie durch einen Zwirnsfaden mit ihm verbunden, so wurden hier Taten vollbracht, die niemand weiß. Denn sie sind tot, die es wußten. Hier wurde nicht mit Elan und aller Unterstützung gestürmt. Hier wurde ausgehalten, gesund oder krank. Hier stand der deutsche Landser verpflegt oder hungrig, mit oder ohne Munition, bei rechtzeitiger oder um Stunden verspäteter Artillerieunterstützung. Hier blieb der Soldat in seinem Loch bis zum Abend hingekauert. Dann erst durfte er seine Glieder strecken und dehnen; dann erst konnte ihm geholfen werden, wenn er verwundet war. Der Mann blieb in seinem Trichter, ob der Feind sich mit Infanterie heranpirschte oder ob er mit Panzern kam. Wenn die feindlichen Bomber kamen, so duckte sich der Landser in sein Loch und er spähte: "Aha, ausgeklinkt, da purzeln die Bomben, jetzt kommen sie, genau hierher, nein, drüber weg, Schwein gehabt!" Kurz darauf erschütterten Detonationen Erde und Himmel! Dann erschienen die Schlachtflieger, warfen erst Bomben, kehrten um und rotzten mit Bordkanonen und MG ein-, zweimal in die Stellungen. Ganz niedrig flogen sie. Es störte sie ja auch keine Flak und kein Jäger. Alles das geschah auf dem Rücken der Infanteristen und Pioniere, der Panzerabwehrleute und der tüchtigen Beobachter von den schweren Waffen, die in den Löchern und Gräben und in den schäbigen Bunkern von Kirischi saßen.
Hier kämpfte ein Unteroffizier vom I. Bataillon mit Handgranaten als letzter seiner Gruppe gegen die ihn umringenden Feinde. Schwer verwundet und kampfunfähig schoß er sich endlich eine Kugel in den Kopf.
Hier streckte der Unteroffizier Windt vom II./3 mit seiner Maschinenpistole vier Russen nieder, auf die er unerwartet gestoßen war, und verjagte allein den Rest des 20 Mann starken feindlichen Stoßtrupps.
Im Südteil griff der Obergefreite Büthe (7./3) mit T-Mine und Hafthohlladung einen schweren russischen Panzerwagen an. Er konnte ihn nicht erledigen, aber Meter um Meter drängte er das Ungetüm zurück, dessen Insassen den einzelnen Mann mit Recht fürchteten.
In Kirischi brachte es Rackwitz, der "alte Rackwitz von der 6. Kompanie", wie er sich selber nannte, fertig, täglich einen dicken, dürren Baum zu ersteigen und dem Feind genau in die Stellungen zu gucken. Dann nahm er ganz persönlich einen leichten Werfer und einen Kasten Munition, kroch so weit ins Niemandsland, bis er die vorher gemerkten Ziele erreichen konnte, schoß seine zehn Schuß ab, kehrte heiter grinsend in seinen Unterstand zurück, während der Feind wutentbrannt auf seiner soeben verlassenen Feuerstellung mit Granatwerfern herumschoß. Einmal nahm Rackwitz das Werferrohr und einige Schuß Munition mit auf seinen Baum. Er stützte das Rohr gegen den Stamm und schoß von oben direkt auf ein feindliches MG. Das war Rackwitz, den seine Kompanie innig liebte.
In Kirischi standen Hunderte von Landsern unentwegt auf ihrem Posten, obwohl sie Fieber hatten, obwohl sie sich z. T. bei dem rasenden Durchfall längst die Hosen vollgekleckert hatten. Sie kochten ihre Konservenverpflegung auf dem Hartspirituskocher und, wenn die Büchse leer war, schissen sie voll und warfen sie feindwärts. "Flatterminen", sagten sie.
Die Männer strahlten Hptm. Schütze an, wenn er nachts, dreckig und müde, durch den Graben und an den Löchern entlang ging und für jeden ein gutes Wort und eine Zigarette hatte.
Hier war es, daß ein 44 Tonnen schwerer KW I mit 15-cm-Kanone die deutschen Linien durchbrach und sich, im Rücken der Stellung herumfahrend, sehr unbeliebt machte, bis er sich in einem Wassergraben festfuhr. Der Funker eines vorgeschobenen Artilleriebeobachters stürzte sich mit einer Hafthohlladung auf den Panzerkoloß und setzte sie an. Sie detonierte, aber der Panzer zeigte keine Wirkung. Noch einmal flitzte der Funker aus seiner Deckung und brachte seine Mine an. Sie zündete nicht. Nun wurden die Russen im Panzer lebhaft. Sie warfen Handgranaten aus ihrem Kasten heraus. Wieder sauste der Funker mit einer Hohlladung auf den Panzer los, während sein Kamerad auf die Luke schoß. Diesmal brannte der Panzer aus. Vor Aufregung am ganzen Körper fliegend, strahlte der kleine Funker über seinen Erfolg.
Der Batterieführer, Oberleutnant Tschirner, saß im vordersten Graben und schoß Sperrfeuer. Aber der Feind unterlief die Sperre und war schon nahe am Graben. Tschirner zog das Feuer näher und näher. Hundert Meter vor der Stellung, fünfzig Meter. Immer naher rückten die Russen. Tschirner wußte, daß seine Rohre ausgeschossen waren, daß sie schon 7000 bis 9000 Schuß geschossen hatten. Aber es mußte gewagt werden. Lieber "sich selbst auf den Kopf schießen", als die Russen hereinlassen. "25 abbrechen", befahl er, "höchste Feuergeschwindigkeit!" Wirklich brach der Infanterieangriff in dieser letzten Sperre zusammen, und auf den zurückgehenden Feind hackten nun alle Waffen ein.
Der Russe hatte auch Mut. Fünfzig Meter vor der deutschen H.K.L. stand ein beschädigter Panzer. In der Nacht krochen russische Monteure an den Panzer heran, legten ihm neue Ketten auf, brachten den Motor in Ordnung, und der Panzer fuhr zurück, um wieder gegen uns eingesetzt zu werden.
Wie Schlangen krochen die Iwans vom Waldrand an mit Verpflegung und Meldungen oder Befehlen über das freie Trichtergelände und brachten ihre Lasten an die vordersten Gräben, die 25 bis 150 m vor der deutschen Stellung lagen. Auch für den Feind war Kirischi eine Hölle. Das russische Feuer war schlimm, aber fürchterlich war auch die deutsche Abwehr. Wo eine Bereitstellung im Walde erkannt wurde, da schlugen die Feuerzusammenfassungen ein. Bäume zersplitterten und frisch eingetroffene russische Kompanien konnten nicht angreifen, weil sie schon zerschmettert waren. Neue Kompanien kamen an. Auch sie wurden zerschlagen. Fahrer, Monteure, Artilleristen wurden mit Gewehren ausgerüstet. Sie wurden mit der Waffe vorgetrieben und vom deutschen Feuer erledigt.
Die russischen Panzerfahrer wollten nicht mehr angreifen. Es hatte keinen Zweck. Ein gefangener Tankist sagte uns, wer umgekehrt sei, wäre erschossen worden. Neue Fahrer kamen in die Kampfwagen. Sie fuhren vor und verbrannten in ihren Panzern. Denn wer ausbooten wollte, wurde von den Deutschen abgeschossen.
Nachts kroch ein russischer Batteriechef mit einem Funker in einen abgeschossenen Panzer, 20 m vor unserer Linie. Am nächsten Tage schlug ein vorzüglich geleitetes Feuer bei uns ein. Wie war das möglich? Da entdeckten unsere Landser eine Antenne an dem toten Panzer. Halt, hier saß der rote V.B. Ein Schuß der schweren Pak auf den bekannten Panzer, ein tapferer Feind war nicht mehr. Aber zwei Tage darauf wiederholte sich das Spiel.
Russische Tiefflieger sprühten Flammöl ab. Dicke schwarze Wolken lagerten auf der Erde. Holzstapel fingen zu brennen an. Eine fürchterliche Waffe. Was der Russe alles hat! Da, da hatte sich ein Flugzeug mit dem eigenen Flammöl angezündet, brannte lichterloh. Das gleich folgende zweite Flugzeug raste auf die erste Maschine. Beide stürzten brennend und qualmend in den Wolchow. Der dritte Flieger konnte seine Maschine noch hochreißen. Er ließ die Flammölspritzerei sein und verschwand.
Nachts wieder der "Eiserne Gustav". Im Dunklen konnte man sich aber wenigstens rühren. Man tat es doch zu gern, daß man "ihm eins brannte", wenn es auch gar keinen Zweck hatte. Das war nur ein Ventil für unsere Seelen. Die Russen schossen Leuchtkugeln, wenn der "Gustav" kam. Sie zeigten ihm, wo unsere Gräben lagen. "Das kann ich auch", dachte sich Rackwitz, und er schoß eine rote Leuchtkugel nach der anderen zum Feind. Schon hörte er das Rauschen der Bomben, aber nicht zu ihm, zum Feind sauste die schwere Last. Beim Russen blitzte und krachte es. Dann hörte man das wütende Gebrüll der Roten und das Wimmern von Verwundeten. "Der Gustav wird wohl 14 Tage Geschärften bekommen haben", meinte der Uffz. Overtheil zu mir.
Unsere Luftwaffe hatte ein Einsehen. Am Himmel schwebten einige JU 88 heran. Schon lange war hinter dem Minenwäldchen eine Panzerbereitstellung gemeldet. Da stürzte die erste JU, klinkte aus, drehte ab, nun die zweite und dritte. Ein Rauschen, eine Riesendetonation, viel besser als die der russischen Bomben. An dem Tage kamen keine Panzer mehr von dort her. Auch Jäger erschienen hier und da und hielten die Luft rein.
Dann kam aber unser Freund, das "Hänschen", der "Benjamin" und wie alle seine Kosenamen hießen. Der tapfere kleine Henschelaufklärer. Langsam brummelte er heran, ging trotz Feuer der Russen tiefer und tiefer und beäugte die Lage genau. Manchmal flog er wie ein Schäferhund der Luft über dem Brückenkopf hin und her, und im deutschen Hinterland hörten wie eine 15-cm-Kanone schießen. Das war Artilleriebekämpfung mit dem Flieger. Darum schwieg auch die russische Artillerie, wenn unser "Hänschen" kam. Daher der Name "die deutsche Luftüberlegenheit" für den kleinen Mann im Jargon der Soldaten. Wenn aber russische Jäger erschienen, mußte Benjamin Leine ziehen. Er ging auf geringe Höhe und entwetzte mit allem, was er leisten konnte. Flak war endlich auch gekommen. Im Lichte der Scheinwerfer fühlten sich die "Eisernen" nicht mehr wohl. Jetzt bellten die 2-cm-MG. und sie trafen auch. Eine Achtacht war endlich auch da. Es war auch wirklich Zeit. Der Russe mußte nun etwas vorsichtiger werden. Am besten aber wirkten unsere Nachtjäger.
Zu den Elementen des Krieges gehörten die sog. Friktionen, also alles das, was anders kommt, als man denkt. Man kann ja auf mehrere Arten erfolgreich Krieg führen. Im Blitzkrieg reißt man das Gesetz des Handelns an sich, läßt den erschütterten Feind von einer Überraschung in die andere stürzen, bis man ihn geschlagen hat. Das ist die Methode des Polen- und Frankreichfeldzuges. Ganz ohne die Gunst der Götter läßt sich freilich auch im Blitzkrieg kein Sieg erringen. Die andere Methode ist die von Rommel. Man überrascht und blufft; man wirft also das Pendel der Friktionen dem Feinde zu, nutzt die Wendezeit des Pendels zu einem Schlag, und ehe es zurückschwingt, wirft man es dem Feinde erneut zu. Dazu gehört ein riesiges Repertoir von Listen und eine rasche, sichere Hand. Hier überrascht der Feldherr selbst Mars und Fortuna durch seine Geschicklichkeit. Aber, wir sahen es ja in Afrika: Wehe, wenn die beiden verärgert sind, ehe der Feldzug ein Ende gefunden.
Nicht nur der Feldmarschall Rommel spielte mit Friktionen, sondern auch der Regimentsadjutant, Oblt. Hildebrandt. Er wußte, daß der Russe unsere Ferngespräche abhörte. Abends, vor Dunkelwerden, Fernspruch vom Regiment: "Heute ab 22 Unr eigene Nachtjäger. Nicht schießen!" Wir gaben den Fernspruch an die Kompanien, diese wieder an die Züge. Jetzt wußte es auch der Feind; Vorsicht, ihr Gustave, deutsche Nachtjäger. Kein Gustav ließ sich blicken. Tagelang dauerte es, ehe der Iwan hinter das Geheimnis von Hildebrandts Nachtjägern kam. Nie hat nämlich ein deutscher Nachtjäger den Brückenkopf Kirischi überflogen.
Ungezählt und unerzählt bleiben die Einzelheiten dieser Woche des Grobkampfes. Wer spricht von Lt. Hottmann, der mit einem Oberschenkelstecksplitter im Graben blieb, weil seine Kompanie schon so schwach war, daß jeder Mann eine Rolle spielte? Wer spricht schon von den Essenträgern, die täglich den Weg über die Brücke machten? Wer weiß noch vom Obergefreiten Schmeing, der Tag und Nacht die gefährlichen Wege mit der Krankentrage ging und vielen, vielen Kameraden geholfen hat? Wer denkt noch an "Stalin", den tscherkessischen Überläufer, der freiwillig immer wieder in die vorderste Linie ging, um Verwundete zu holen? Kennt man noch den Stabsarzt Schneider, der wochenlang auf seinem Hauptverbandplatz in einer Fabrikruine aushielt? Dort wurde mancher Schwerverwundete durch rasche Hilfe gerettet. Weit über tausend Verwundete wurden dort versorgt.
Nicht nur der Schrecken herrschte in Kirischi, nicht nur das Gefühl, von der gesitteten Welt abgeschnitten, fast ausgestoßen zu sein. Nicht nur der Schmutz auf dem wochenlang nicht gewaschenen Körper, in den bärtigen Gesichtern, den müden, entzündeten Augen, das Fieber und der Leichengeruch waren ausschlaggebend. Alles Schlimme dieser Zeit kann den Ruhm nicht übertönen, den sich die deutschen Soldaten der 11. und 21. Division und auch ihre Feinde erworben haben. Auch das Wort "stilles Heldentum" erfaßt noch nicht jenes treue, brave Landsertum, das marschiert, kämpft, stirbt und lustig leben will, ehe es den bitteren Weg ins Kriegergrab antritt. Denn der Heldentod ist ehrenvoll, herrlich, aber nicht schön. Wie auch dieser ganze Krieg nicht schön ist. Vielleicht war auch noch nie ein Krieg schön?
Schön aber ist die Erinnerung. Schön der Ausblick auf kommende Einsatze. Wenn wir wieder marschieren, kämpfen und den Feind zu Paaren treiben. Das wird wieder ein Krieg sein. Eine Lust zu leben!
Einmal Brückenkopf genügte uns. Nur nicht zweimal! Endlich, am 24. August, wurden wir abgelöst; das I. Btl. war schon lange heraus. 700 Mann stark war das II. Btl. am 28. 7. gewesen. 400 Mann waren wir mit allen Trossen einen Monat später. Die Frontsoldaten waren krank, fiebrig; ihre Füße waren geschwollen, die läusezerstochenen Körper zerkratzt, vereitert, kaum wollten die Beine noch tragen.
Ablösung. Die Brücke war passiert. An der Stellung der 15-cm-Haubitzen am Bahnhof Irssa war man gut vorbeigekommen, dann um mehrere Ecken, und jetzt waren wir im Waldlager in kleinen Blockhütten und Zelten. Dort durften wir nach den anstrengenden Wochen Ruhe genießen.
Wir zogen im Freien unsere verlausten Sachen aus, wuschen den zerkratzten Körper mit warmem Wasser, rieben ihn mit Öl und Kölnisch Wasser ein, rasierten uns mit Genuß, ließen die Haare schneiden, und dann zogen wir das beste Hemd, die beste Hose, den besten Rock an, stolzierten mit schwarz glänzenden Stiefeln herum, zwar noch bleich und mager, aber mindestens geistig eine Etage höher als eine Stunde vorher. Die Burschen hatten einen prächtigen Kaffee gebraut, richtigen Bohnenkaffee, den sie noch vom Einsatz her hatten. Jetzt neu haben wir Schokolade, Zigarren, Sekt, Schnaps, Bier, kurz alles, was das Herz begehrt, bekommen. Auf den Butterbroten lag dick Wurst und Käse. Das war ein Frühstück wie in alten Zeiten. Die Sonne schien. Was störten uns die paar Mücken. Sie wollten auch leben.
Wir waren im alten Kreise: Hptm. Schütze, Dr. Cornelius, ich (der an Stelle des erkrankten Petereit Adjutant geworden war), dazu Hptm. Eckstein, der neue Führer des II. Btl., der uns heute früh, frisch aus dem Lazarett zurückgekehrt, kurz vor dem Brückenkopf erwartet hatte. Schütze sollte "Zauberlehrling", d. h. für den Generalstab geschult werden und uns bald verlassen. Wir waren todmüde, aber der Kaffee hatte uns so aufgemöbelt, daß an Schlafen gar nicht zu denken war. Der Magen regte sich auch wieder. Er wollte sich noch nicht mit dem guten Essen abfinden.
Ich war ja auch nicht ganz gesund gewesen, hatte auch Fieber gehabt, und, wenn ich auch fast nur im Bunker saß und nur nachts die notwendigsten Gänge unternahm, so war auch mir der ewige "Marsch-Marsch" schlecht bekommen. Ich mußte nun lachen, wie ich in dem Blockhaus frisch gewaschen lag. Das war schwierig gewesen und gefährlich dazu: zehnmal, zwanzigmal am Tage raus aus dem Bunker. Richtete man sich beim Hosenhochziehen etwas zu sehr auf, so schoß ein Schwein sofort mit MG und ein anderer Schurke mit 4,7 Pak. Die Querschläger besummten das malerische Bild, wie ich auf allen Vieren schleunigst wieder im Bunker verschwand. Schütze war natürlich auch krank, zeigte es aber nicht. Er hatte natürlich auch Läuse, kratzte sich aber nicht. Nur im Schlaf hatte er gestöhnt und sich mit Wonne und Wut gekratzt.
Auf der anderen Pritsche hatten die beiden Funker geschlafen. Einen quälten die Läuse, den anderen böse Träume. Ich hatte den ersten im Traume schimpfen gehört: "Es ist zum Kotzen, zum Kotzen." Zielinski der Bursche, hatte auch Durchfall und entsetzlich viel Läuse. Aber er schmierte unser aller Stullen mit wahrem Biereifer. Stiefel putzen lohnte sich doch nicht, denn im Bunker stand ja das Wasser bis zur halben Wade. Und nachts, da wurde geschöpft, ohne Rücksicht auf Dienstgrad und Verluste. Die stinkende Jauche verschwand aus dem Bunker und war am nächsten Tage wieder da.
Jetzt konnte man darüber lachen. Jetzt konnte man das vergessen. Jetzt war Ruhe. Selten habe ich eine Woche so genossen. War es nicht herrlich, sich zu irgendeiner Tageszeit mit Cornelius hinzusetzen und eine, zwei oder drei Flaschen guten, französischen Schampus zu töten? Man lebte in Erinnerungen an die ganz alte Zeit, an die letzte Zeit, oder man besprach, was unser wohl noch wartete. Oder man freute sich einfach am schönen Wetter, an der Ruhe, an der schönen Welt und am Durst. Der Durst man könnte darüber Bücher schreiben, hat es auch getan. Der Durst quält den Menschen entsetzlich, er ist schlimmer als Hunger. Aber ein schöner Durst ist auch ein Gottesgeschenk, für das man seinem Schöpfer mindestens ebenso danken sollte wie für klares Brunnenwasser, Tee, Kaffee, Wein, Bier, Sekt oder sogar Schnaps. Was wollte man denn mit all diesen schönen Dingen anfangen, hätte man nicht immer einen so herrlichen Durst? Gott erhalte uns lange unseren Durst, unseren guten Geschmack und die guten Getränke! Das übrige erhält sich dann von selbst. Wer meckert da? Seid still, ihr Spötter, schweigt, ihr Moralisten und Zwecklebigen! Seid mir nicht böse, ihr Mütter und Väter, ihr Frauen und Kinder! Gewiß, es geht euch im Durchschnitt schlechter als mir. Aber Kirischi kennt ihr nicht, ihr kennt auch nicht die Entspannung nachher. Ihr kennt auch nicht die Seele des Soldaten, der wieder nach Kirischi muß.
So marschierten wir denn am Abend des l. September 1942 wieder an der Bahn entlang, überschritten im Dunkeln wieder die Brücke und begaben uns, 303 Mann stark, in unsere Bereitstellungsräume. Ja, wir sollten angreifen. Jetzt ging es in die Mühle. Noch war ja das II./3 stark. Es mußte doch auch verschwinden, wie die anderen Bataillone der Division, wie die Pioniere, die Reiter, die Radfahrer, die Panzerjäger. Noch immer bestand der russische Einbruch, und weder die Stoßtrupps vom I. R. 3 noch vom I./3, weder der Angriff des I./45 noch der A. A. 21 hatte den Einbruch beseitigen können. Der "Sack", so nannte alles diese Stelle, bestand, und wir als letztes starkes Bataillon auch, und: Der Sack muß verschwinden und koste es die ganze Division! Man lese recht, natürlich nur die vorn eingesetzten Teile. Manche wußten sich recht gut zurückzuhalten.
Noch einmal drei Wochen war das Bataillon im Brückenkopf. Es wurde zerrieben. Es war kein heroischer Kampf mehr. Es war ein richtiger, übler Kleinkrieg, Aber verlustreich war der Kampf. Ein glänzender Angriff und dann ein trauriges Hinsiechen der Truppe, bis schließlich alle verfügbaren Kräfte noch einen Angriff starteten, der auch erfolglos blieb. Jetzt war der Moment gekommen, wo man nicht mehr tapfer kämpfte, nicht mehr trotz aller Leiden aushielt, sondern wo man befehlsgemäß an seinem Platze blieb, nichts vor Augen, als das sichere, ruhmlose, sinnlose Ende.
Was sollte denn dieser Brückenkopf? Wollte man aus ihm heraus angreifen, so hätte man das ja längst tun können. Warum wartete man denn, bis der Russe alles zerschlagen hatte? Ach, man konnte ja gar nicht angreifen. Wo sollte man denn ein Angriffsregiment in Kirischi unterbringen? Wo denn? Es waren doch nur noch Trichter und ganz kleine Häuserruinen da, längst erschossene Feuerräume der russischen Artillerie. Und wenn schon! Um über den Wolchow anzugreifen, konnte man unter Verlust eines Regiments einen Brückenkopf bilden und brauchte nicht in diesem zwei Divisionen zu opfern. Sinnlos, wahnsinnig, stur. Die deutsche Wehrmacht hatte keinen Geist mehr. Das waren Weltkriegstouren. Ich entsinne mich eines Gesprächs mit dem guten Professor Lipps: "Das Große am Weltkriegserlebnis war die Sinnlosigkeit des Kampfes, des Daseins, allen Lebens, der ganzen Welt." Das war's. Verdun und Kirischi. Wir meuterten. Natürlich tat man seine Pflicht, natürlich führte man Befehle aus.
So hielten wir Totenwache bei den Kameraden unter den Birkenkreuzen und schützten unter furchtbaren Opfern deren Ruhe. Eine sinnlose Treue. Denn die Pfarrer sagen: Laßt die Toten ihre Toten begraben. Aber die Pfarrer waren nicht in Kirischi, so wenig wie Paulus und Luther.
So war es damals. Wir blödelten. Der Gruß war: "Heil Der Endsieg ist uns gewiß". So stand es in den Zeitungen. Ich glaube auch heute, am 15. 7. 1943, nicht an die Zweckmäßigkeit des Brückenkopfes. Aber ich bin überzeugt: Fällt Kirischi, so fällt die "Festung Dratschewo", der sog. "Sektpfropfen". So fällt Tschudowo und vielleicht sogar Nowgorod. Ein suggestives Moment zwingt uns, Kirischi zu halten. Einer, der die Landschaft nicht kennt, hat dort einen Nagel in die Karte Rußlands geschlagen und das Netz der Front daran gehängt. "Kirischi darf nicht fallen", heißt der Führerbefehl. Und Stalins Befehl heißt: "Kirischi muß fallen". Es fiel aber nicht.
Es wäre falsch, das kleine Kirischi mit dem gewaltigen Stalingrad zu vergleichen. Eins aber haben beide gemeinsam: Sie ähneln nicht nur dem Verdun des l. Weltkrieges, sondern sie sind die Nägel, an denen die Front hängt. Stalingrad ist auch nicht gefallen, sondern der Nagel wurde vom Feind in das Holz hineingetrieben, und er tat bis zuletzt seine Pflicht. Der Fehler liegt anderswo. Ich schätze heute Kirischi, Stalingrad usw. nach den Imponderabilien ein. Ich lehne es ab, die Gewalt des Wahnsinns zu verniedlichen oder mit biedermeierlich vaterländischem Sinne zu verwischen. Aber eine Lösung muß das Herz finden, wo schon der Verstand nicht mitkann, wo aber das Gemüt sicher ist, daß das wichtig ist, war und sein wird, was der Soldat im Felde tut, wenn er seine Pflicht erfüllt.
Am 2. September griff das II. Bataillon an. Die Voraussetzungen für den Angriff waren falsch. Der Ansatz meiner nachträglichen Ansicht nach nicht richtig. Ach, man ist ja immer klug, wenn man aus dem Rathaus kommt. Die Kampftruppe war auch nicht für einen durchschlagenden Angriff ganz richtig vorbereitet. Mit großem Elan wurde nach einem der bekannten, auch den Russen bekannten, Artilleriefeuerschläge von 5 Minuten der Angriff der Länge nach durch den "Sack" vorgetragen. 5. und 6. Kompanie erreichten ihre Ziele 7. Kompanie blieb nach dem Ausfall ihres Führers vor einigen bewegungsunfähigen Panzern liegen, erreichte erst am späten Abend nach Umwegen den linken Flügel des Bataillons, und so wurde mit 50 % Ausfällen durch den Angriff vom 2. 9. der "Sack" wohl an seinem Eingang wesentlich eingeschnürt, aber nicht geschlossen.
Solange die 21. Div. im Brückenkopf war, versuchte sie, den "Sack" zuzumachen. Er blieb offen. Die Division war verblutet. Jeden Abend wurden kleinere und größere Stoßtrupps gestartet und 50 m Gelände gewonnen. Meist noch in derselben Nacht kassierte der Feind die neuen Postierungen ein. Am 18. 9. wurde aus dem ganzen I. R. 5 ein Stoßtrupp von ca. 50 Mann gebildet. Von der anderen Seite kamen, ebenso erschöpft, Männer des II./45 entgegen. Es half nichts. Es wurde keine restlose Schließung der Lücke geschafft. Unser Regiment konnte schließlich noch 200 m decken. Panzerabwehrleute, Pioniere, Kompanien einer anderen Division wurden herangezogen. Dem Stab II./3 waren am Ende Teile von 15 verschiedenen Kompanien unterstellt. Aber das Loch blieb und bestand auch noch, als wir am 23. 9. den Brückenkopf verließen.
Wie anders waren die Bilder in diesem Einsatz gewesen, welch ein Unterschied gegen die vier Wochen im August. Damals führte Oberst Hermann selbst den Gegenstoß. Diesmal griffen wir nach einem sauber ausgearbeiteten Befehl an. Damals fiel unser Regimentskommandeur. Diesmal wurde er abgelöst. Damals ein Ringen auf Leben und Tod im Hagel der beiden Artillerien. Nun ein Schmelzen und Hinsiechen der Kompanien im Störungsfeuer und bei kleinen Unternehmungen. Wir bekamen zum ersten Male einen Eindruck vom Sterben einer Division im bataillonsweisen Einsatz. Diesen Mord haben wir auch später noch exerziert. Nichts bringt mehr Verluste, als der Kampf kleiner Verbände um einzelne Quadratmeter. Darum fürchten wir heute diesen Kampf und sehnen uns nach einem richtigen Feldzug, nach einer Schlacht mit allen Schikanen.
Wie ein Pendel, das in gewaltigem Bogen nach der einen oder anderen Seite ausschlägt, beginnt das Geschehen des Krieges. Gewaltig sind die Anstrengungen, mächtig die Konzeptionen, riesenhaft die Erfolge oder Niederlagen. Aber der Schwung des Pendels läßt nach. Immer kleiner wird der Raum des Aufschlages, immer geringer die Unterschiede in Bewaffnung, Ausbildung und Kampfmoral beider Gegner. War erst das Verhältnis l:10, l:5 oder wenigstens l:2, so haben wir nach mehreren Jahren Krieg jenes berühmte "fifty : fifty", das nicht mehr gloriose Schlachten, sondern nur noch verzweifelte Kämpfe in Erscheinung treten läßt.
Auch die Einstellung aller Soldaten zum Kriege war eine andere geworden. Der Landser war vorsichtig. Man sprach vom "beschossenen Hasen". List und Tücke herrschten vor, wo man früher Draufgängertum gefunden hatte. Das mußte so sein. Der Draufgänger ging eben im Stellungskrieg drauf. Die List siegte. Man empfand diesen Zustand als krankhaft. Man schätzte ihn nicht. Man verachtete auch die Ruhe, obgleich man sie genoß. Man liebte den Verteidigungskampf nicht, obwohl man dafür gelobt wurde.
Ein Gang zur B-Stelle des Lt. Schiemann, der auf einer Ruine saß. Regungslos lag ein bärtiger Mann hinter dem Zielfernrohrgewehr. Ein Sanitäter. Auch das noch. Das Auge schaute durch das Glas, der Finger hing im Abzug. Durch ein winziges Loch in der Mauer beobachtete er. Ich sah mit dem Glase in der Richtung. Da war ein russischer Stahlhelm; er kam und verschwand. Anscheinend schanzte der Iwan. Er bot keine Blöße. Ich wendete mich weg, da krachte ein Schuß neben mir, "14", sagte der menschenfreundliche Sanitäter und lud sein Gewehr durch, "Gut", meinte der Kompaniechef.
Vor unserem Gefechtsstandbunker lag ein toter Soldat. Jeder ging an ihm vorbei und dachte: "Den konnten sie auch schon lange begraben haben, Schweinerei!" und jeder ging vorbei. Natürlich sah Eckstein den Soldaten und ließ ihn sofort beerdigen. Aber der 25 m weiter liegende tote Russe blieb. Seine Stammesbrüder hatten ihm Schuhe und Strümpfe ausgezogen. Nun moderte er. Er war nicht der einzige. In Kirischi hatte man wohl Ehrfurcht vor dem Opfer der Kameraden, aber war nicht eben sentimental.
Zwei deutsche Soldaten und ein "Hiwi" brachten Essen zur 5. Komp. Auf dem Rückweg verirrten sie sich und wurden von einem russischen MG. angeschossen, sie kehrten um und wurden von einem deutschen MG. angeschossen. Trotz Rufen gerieten sie wieder zum Russen. Sie wußten nicht aus und ein. Der Iwan rief seinen Genossen zu; daß sie nicht schießen sollten. Die drei verkrochen sich in einem Trichter, orientierten sich am hellen Tage und kehrten am Abend wohlbehalten zurück. Es gäbe auch von den 305 Mann viele Geschichten zu erzählen. Man müßte die Zwillingsbrüder Kison nennen, die zu zweit etliche Feindnester ausräucherten. Man müßte berichten, daß nach dem Angriff am 2. 9. einige Sanitäter mit 12 russischen Gefangenen nach Verwundeten suchten, daß einige Russen dabei fielen und daß die Sanis doch mit 15 Russen wiederkamen. Einige Feinde hatten sich einfach angeschlossen. Man müßte von dem Major Meseck erzählen, der eine Lungenentzündung in Kirischi durchmachte, sich aber nicht ablösen ließ. Ich sehe ihn noch vor mir. Er und sein Adjutant Doercksen, der spätere "Löwe von Micky-Micky", saßen vor ihrem Loch und lausten sich in der Sonne. Fiebernd und auf wackeligen Beinen ging der Hauptmann Eckstein jeden Abend in die Stellung und blieb da bis zum Morgen.
Der Name manches Gefallenen müßte festgehalten werden. Der lustige Leutnant Kretschmann fiel, der Lt. Barran verlor seinen rechten Arm, der ewig bedrückte Lt. Dargel fiel, der Uffz. Kreutz fiel. Ich denke deshalb an Kreutz, weil er wohl der beste Unteroffizier war, der mir im ganzen Kriege begegnet ist.
In der Nacht vom 22. auf 23. September übergab Eckstein unseren Abschnitt als letzter der Division. In den Morgenstunden meldeten wir uns beim neuen Brückenkopfkommandanten ab. Bald nach Überwindung der Brücke bestiegen wir unsere Pferde. Eine Freude, wieder im Sattel zu sitzen. Sollten wir den sicheren Weg wählen. Nein. Nun, hat's solange gut gegangen, geht's auch heute. Galopp über die eingesehene Fläche. Der Feind hatte ein Einsehen und schoß nicht. Am Wege saßen 5 Soldaten: 2 Unteroffiziere und 5 Mann. Als wir kamen, stand einer auf und meldete: "3. Kompanie auf dem Wege vom Brückenkopf zur Ruhestellung". Gegenfrage: "Wo ist der Rest?" "Wir sind alle beisammen". Sie hatten sich hingesetzt, weil die Beine nicht mehr mitmachen wollten.
Das wollte ich festgehalten haben. Darum schrieb ich es. Ich wollte kein Mitleid erwecken. Das gibt's schon billiger. Ich wollte nicht auf falsche Einrichtungen schimpfen. Am wenigsten wollte ich den Eindruck erwecken, als seien wir weich oder schlapp geworden. Nein, wir hätten uns auch noch acht Tage länger unserer Haut gewehrt. Aber jetzt, da wir es durften, jetzt waren wir fertig. Die 21. I. D. konnte nicht mehr.
Kirischi war unser Stolz und unser Schreck. "Nie wieder Kirischi", sagte jeder alte Fuchs. Man hat uns auch später vertrauensvoll eingesetzt, und wir haben dies Vertrauen gerechtfertigt. Aber für diesmal war es genug. Aber oben war man uns böse, daß wir "den Sack nicht zugekriegt hatten".
Lieber Kamerad vom Brückenkopf Kirischi, liest Du nicht auch mit großer Ergriffenheit diese Erinnerung an Kirischi, die unser Kamerad Claus von Kursell im Sommer 1943 schrieb? Er stellte sie uns liebenswürdigerweise für unsere Divisionsgeschichte und zum Druck im Nachrichtenblatt zur Verfügung.
Geschichtsmaterial verschiedener Art sandten bisher ein die Kameraden Beeckmann (Wuppertal), Bonk (Duisburg), Eckstein (Nienburg), von Glasow (Schiederhausen i. 0.), Hillebrandt (Harburg), Icks (Boppard), Matzky (Bonn), Meindorf (Tiefengrün, Bayern) und Wendland (Gelsenkirchen).
Bilder erhielten wir von den Kameraden Bonk (Duisburg), Mans (Dinslaken) und Prüßmeyer (Ostscheid).
Urkundliche und andere Unterlagen übergaben uns die Kameraden Günther (Brackwede), John (Kassel), Ritgen (München) und Wendland (Gelsenkirchen).
Wir danken diesen Kameraden herzlich für die Übermittlung und Zurverfügungstellung ihres Materials, besonders aber auch denen, die selbstloserweise persönliche Arbeit durch Herstellung von Abschriften usw. geleistet haben.
Einiges Material befindet sich auch noch in Obhut von Allmayer=Beck (Wien), Dr. Brechtel (Frankfurt) und Podzun (Bad Nauheim).
Selbstverständlich reicht all dieses bisher dem Verband übergebene Material bei weitem noch nicht aus, da nur bestimmte, in keinem Zusammenhang stehende Kampfabschnitte erfaßt sind. Wir müssen aber, bevor wir beginnen, wissen, was alles vorhanden ist. Wir bitten daher nochmals und eindringlich alle Kameraden, ihr Hab und Gut durchzukämmen und uns ein Verzeichnis des Geschichtsmaterials mit Angabe des Truppenteils und des Zeitraumes, worauf es sich bezieht, zu senden mit Angabe, ob Kriegstagebuch, persönliche Aufzeichnungen, Karten u. ä.
Alles, was mit der 21. Inf. Division zusammenhängt und ihren Einsatz betrifft, ist wichtig! Sobald wir die Übersicht über das vorhandene Material haben, möchten wir unter Berücksichtigung der Wünsche der Besitzer und jeweils nach Notwendigkeit abrufen. Bis dahin müssen wir uns auf Abdruck von Ausschnitten im Nachrichtenblatt beschränken.
Lieber Kamerad, arbeite auch Du persönlich mit; Du beweist damit Deine alte Kameradschaft!
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